Im Interview mit Dr. Thomas Weber
Unsere Lösung heißt intelligenter Antriebsmix: Das Zeitalter der Elektromobilität wird nicht auf Knopfdruck beginnen.
Die Zukunft des Automobils ist elektrisch. Diese provokante Aussage führt gelegentlich zu falschen Schlussfolgerungen. Denn nicht allein das Elektroauto – ob mit Brennstoffzelle oder Batterie – ist die Technologie für eine mobile Zukunft. Vielmehr liegt der Schlüssel zur Mobilität der Zukunft in der Elektrifizierung des Antriebs.
Thomas Weber: Im Daimler-Vorstand für Konzernforschung und Mercedes-Benz Cars Entwicklung verantwortlich.
Und die beginnt nicht erst beim Antrieb selbst, sondern bereits bei den Nebenaggregaten des Motors. Beispiele dafür sind elektrisch geregelte Servolenkungen und Wasserpumpen, die nur bei Bedarf zugeschaltet werden. Die Batterie ist das Herzstück für jede Art der Elektrifizierung – und gleichzeitig die größte technische Herausforderung. Mit ihrer Effizienz und Wirtschaftlichkeit stehen und fallen die Chancen der Zukunft der Mobilität. Wie wollen die Autohersteller das Thema „CO2“ in den Griff bekommen? Welche Antriebstechnologie ist am besten geeignet, um den Verbrauch zu reduzieren? Und wie lässt sich das alles mit den Wünschen nach Sicherheit, Komfort und Fahrspaß vereinen?
„Kein anderer Premium-Automobilhersteller verfügt in Summe über so gute Voraussetzungen wie wir, um die gesamte Bandbreite der Erwartungen an nachhaltige Mobilität zu erfüllen.“
Überzeugende Antworten auf diese Fragen hat Dr. Thomas Weber, Vorstandsmitglied der Daimler AG, verantwortlich für Konzernforschung und Entwicklung Mercedes-Benz Cars.
Daimler ist seit 125 Jahren eine treibende Kraft hinter der Entwicklung des gesamten Straßenverkehrs: von der individuellen Mobilität mit dem Pkw bis hin zum Gütertransport mit Nutzfahrzeugen. Wo geht die Reise hin, Herr Dr. Weber?
Unser Ziel ist die langfristige Sicherung einer nachhaltigen Mobilität – festgelegt in unserer „Roadmap“. Wir wollen in grünen Technologien führend sein, ohne dabei typische Mercedes-Benz Tugenden wie Sicherheit, Komfort und souveränen Fahrspaß zu vernachlässigen. Dafür investieren wir sehr viel. Daimler und Mercedes-Benz stehen aber nicht nur für Zukunftsthemen wie Elektroautos mit Brennstoffzelle oder Batterie. Unsere aktuellen Modelle verfügen bereits heute über wirkungsvolle Technologien für noch mehr Effizienz, Umweltverträglichkeit und Sicherheit.
Im ersten Schritt erreichen wir das durch unsere BlueEFFICIENCY Maßnahmen für Pkw mit modernsten Verbrennungsmotoren. Dazu zählen Downsizing, Hochaufladung oder Direkteinspritzung bei den Motoren sowie gezielte Optimierungsmaßnahmen am Fahrzeug, zum Beispiel in den Bereichen Aerodynamik, Leichtbau und Energiemanagement. Großes Potenzial für eine zusätzliche Effizienzsteigerung bietet darüber hinaus die bedarfsgerechte Hybridisierung in unterschiedlichen Ausbaustufen.
Wie lange bleiben Diesel und Benziner das, was sie seit vielen Jahrzehnten sind – das Rückgrat der Mobilität auf der Straße?
Der Einsatz von modernsten Verbrennungsmotoren mit und ohne Hybridisierung ist eine unverzichtbare Option für die Zukunft. Sie werden schon allein deshalb benötigt, weil Elektroantriebe kurzfristig nicht in der erforderlichen Anzahl und nicht zu den im Volumensegment notwendigen Kosten produziert werden können – und weil die Infrastruktur noch fehlt. Deshalb wird auch in den kommenden Jahrzehnten die Qualität der Verbrennungsmotoren darüber entscheiden, wie viel Kraftstoff tatsächlich eingespart wird und welche Mengen an Emissionen damit vermieden werden können.
Fest steht: Bei allen Fortschritten wird das Elektroauto Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor nicht kurzfristig ersetzen können, sondern Stück für Stück das Antriebsportfolio der Zukunft ergänzen. Moderne Diesel und Benziner werden auch noch auf längere Sicht die treibende Kraft für das Automobil bleiben – im Individualverkehr mit Personenwagen, insbesondere auf Langstrecken, und vor allem beim Güterverkehr mit Lastwagen. Als Konsequenz daraus haben die Ingenieure von Daimler und Mercedes-Benz einen breit aufgefächerten Lösungsansatz entwickelt. Und darin spielt der innovative Verbrennungsmotor, der alles andere als ein Auslaufmodell ist, auch weiterhin eine wichtige Rolle.
Ist das Elektroauto auch nur eine von vielen Optionen?
In der Öffentlichkeit ist der Eindruck entstanden, dass das Zeitalter der Elektroautos bereits morgen beginnt. Richtig ist: Ob Brennstoffzellen, batterieelektrisch oder mittels Range Extender betriebene Fahrzeuge – Elektroautos bieten enorme Potenziale in Sachen Umweltfreundlichkeit, sind aber noch nicht großserienfähig. Neben einigen technologischen Herausforderungen wie ausreichender Produktionskapazität für leistungsfähige und sichere Batterien fehlt es auch an einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur bzw. an Wasserstofftankstellen.
Lokal emissionsfreies, leises und hoch effizientes Fahren bietet sich zunächst insbesondere in urbanen Ballungsräumen an, wo Einfahrtbeschränkungen und Umweltzonen mittlerweile keine Ausnahme mehr darstellen. Die zweite Generation des smart fortwo electric drive, die seit Mitte November 2009 in Kleinserie produziert wird, steht exemplarisch für ein urbanes Automobil. Mit einer kompletten Batterieladung schafft er eine stadtverkehrsgerechte Reichweite von bis zu 135 Kilometern, was für über drei Viertel aller Fahrer ausreichend ist.
Damit wird der Energiespeicher zur Schlüsseltechnologie?
Richtig. Entscheidende Voraussetzung für alle Elektroantriebssysteme ist ein leistungsfähiger, sicherer und zuverlässiger Energiespeicher. Die Performance des gesamten elektrischen Systems hängt von der Batterie ab, angefangen bei ihrer Speicherkapazität.
Aus diesem Grund legt Daimler das Augenmerk auf die Entwicklung einer leistungsstarken Traktionsbatterie. Sie muss eine lange Lebensdauer sowie hohe Crash-Sicherheit aufweisen und recyclingfähig sein. Alle diese Voraussetzungen bietet die neue Lithium-Ionen-Batterie, die sich inzwischen bereits bei Hybridanwendungen bewährt hat. Ihre Vorteile liegen insbesondere in ihren kompakten Abmessungen in Kombination mit einer deutlich höheren Leistungsfähigkeit im Vergleich zu bisherigen Nickel-Metallhydrid-Batterien.
Darüber hinaus zeichnet sie sich – dank des innovativen Kühlsystems und Temperaturmanagements – durch hohe klimaunabhängige Zuverlässigkeit und ein hervorragendes Kaltstartverhalten aus.
Außerdem beschäftigen wir uns mit weiteren zukunftsweisenden Batteriekonzepten. Unser Ziel ist es, die Energiedichte weiter zu steigern und das Gewicht zu reduzieren – auch wenn einige dieser Konzepte aus unserer Sicht noch weit von einer Serientauglichkeit entfernt sind.
Was bedeutet dies alles für die Daimler Strategie?
Das Ergebnis ist ein intelligenter Antriebsmix. Abhängig von Fahrzeugklasse, Einsatzprofil und Kundenwunsch bringen wir unterschiedliche Fahrzeugkonzepte mit maßgeschneiderten Antriebslösungen beim Kunden zum Einsatz. Im Langstreckenverkehr werden vor allem moderne Verbrennungsmotoren mit und ohne Hybridmodul, ergänzt durch Brennstoffzellenfahrzeuge, dominieren. Im Überlandverkehr kann dieses Straßenbild durch Plug-in-Hybride und Brennstoffzellenautos verstärkt werden. Im urbanen Verkehr – vor allem in den immer zahlreicheren Mega-Citys rund um den Globus – werden überwiegend lokal emissionsfreie Fahrzeugkonzepte mit Batterie- und Brennstoffzellenantrieb das Straßenbild prägen.
Ist es denkbar, dass eine große Mercedes-Benz Limousine weniger als vier Liter verbraucht?
Unser auf der IAA 2007 präsentierter Technologieträger Mercedes-Benz S 500 Plug-in HYBRID ist das weltweit erste Oberklassemodell in der Kategorie Dreiliterauto. Erreicht wurde das durch modernste Hybridantriebstechnik und gezielte Optimierungsmaßnahmen am Fahrzeug, speziell in den Bereichen Aerodynamik, Leichtbau und Energiemanagement bei.
Einen Ausblick auf die große Limousine mit Stern gibt unser Forschungsauto F 800 Style: Durch den effizienten Plug-in-Hybridantrieb erreicht er zusammen mit dem batterieelektrischen Fahrbetrieb einen zertifizierten Verbrauch von 2,9 l Benzin auf 100 Km. Daraus resultiert ein extrem niedriger CO2-Ausstoß von nur 68 g pro km. Unabhängig von der Antriebsart gilt also weiterhin: Komfortable, souveräne und sichere Premiumautomobile wie die Mercedes-Benz E- und S-Klasse zählen zu unseren Kernkompetenzen. Das wird auch in Zukunft so bleiben.
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